Internationale Personalberater
23. 04. 2010 von Dwight Cribb

Lass uns doch mal ehrlich sein.

Wir Onliner sind schon cool. Und hart arbeiten können wir auch. Außerdem verfolgen wir jeden neuen Trend, sind Early Adopter, Meinungsbildner, Mavens und generell im Bilde. Dass wir voll vernetzt sind versteht sich von selbst; unsere Facebook, Xing, LinkedIn und Twitter Accounts sind überdurchschnittlich gut gepflegt, sie werden ja auch von vielen besucht.

Beim genaueren Hinsehen wird der Besucher feststellen, wie hart wir arbeiten, wie gut wir vernetzt sind und wie viele interessante Menschen unseren Tweets, Statusmeldungen und Profilen folgen. Ehrensache, dass interessante Informationen auch noch lange nach Mitternacht gepostet werden, wir über Foursquare der Welt zeigen, dass wir mal wieder im Auftrag des Kunden unterwegs sind und dass wir die Pinkelpause im Meeting dazu nutzen, mal schnell ein paar Mails zu beantworten, die schon zwanzig Minuten alt sind.

Der von immer schneller drehenden Medien verursachte Sog ist immens und nicht wenige der Hauptprotagonisten der Branche werden in diesen Strudel im weiter rein gezogen. Das Problem ist, bei Twitter ist bei 140 Schluss, beim Blutdruck leider nicht. Wer 24/7 online ist, jede freie Minute Zeit damit füllt, dass er seine multiplen Accounts pflegt und mitredet, der kommt nie runter und das kann auf Dauer nicht gesund sein.

Ich habe schon im Herbst letzten Jahres gemerkt, dass ich mich einem Burn-Out nähere. Nicht weil meine eigentliche Arbeit mich so mitgenommen hätte, sondern hauptsächlich aufgrund fehlender Erholungszeiten. Ich habe jede Pause, Wartezeit oder Freizeit dazu genutzt, mal schnell eben auf Twitter zu schauen, mal kurz ein Status-Update an meine Xing Kontakt zu senden oder zu sehen, was meine “Freunde” auf Facebook gerade so machen.

Die Erkenntnis, dass dies keine Erholung oder Ablenkung ist sondern zum meinem allgemeinen Stresslevel beiträgt, hat bei mir zu einer veränderten Einstellung zum Umgang mit diesen Medien geführt. Ich muss mich nur regelmäßig selbst daran erinnern.

Inzwischen höre ich auch von anderen, dass sie nicht mehr können und nicht mehr wollen.

Also, lass uns mal ehrlich sein. Es ist viel cooler entspannt und gesund seinen Job gut zu machen, als der letzte zu sein, der in der eigenen Zeitzone noch einen Tweet absetzt. Und eine Mail darf auch mal ein paar Stunden unbeantwortet bleiben, viele Antworten erübrigen sich dann ohnehin schon.

Kommentare:

  1. Lieber Dwight,

    erfrischend, ehrlich und so wahr.

    Insbesondere junge Mitarbeiter lassen sich so schnell von der dauerhaften Erreichbarkeit und Hetze treiben, daß sie es cool finden 18 Stunden am Tag zu arbeiten und am Wochenende sowieso.
    Das die Qualität hinten über fällt merkt keiner mehr und auf einmal erscheint alles sinnlos… Burn-Out oder Kein Bock mehr Syndrom.

    Lieber öfter am Tag mal durchatmen, mit Kollegen austauschen und brainstormen. So produziert man Qualität für Kunden!

  2. Hallo Herr Cribb,

    gut geschrieben, vor allem die Blutdruck-Schriftzeichen-Metapher sollte wachrütteln.

    Gruß.

  3. Schön dass Du das gesagt hast. Es bringt mehr, wenn man als aktiver Teil des online Zirkus diese Realtime Zeugs mal laut dagegen ist, als wenn das die ewigen Neinsager tun. Mir geht es genau wie Dir. Das ist ein Sog, und ich muss mich zwingen, gegenzusteuern. So wie man Schokolade giert, fängt man an, nach feedbacks, kommentaren, retweets zu gieren.

  4. Moritz sagt am

    lieber Dwight,

    sehe ich (natürlich) genauso, aber das ist eine stetige Herausforderung an die Selbstdisziplin!

    Das passende Pamphlet dazu: “Die Entdeckung der Langsamkeit” von Stan Nadolny - ein herrlicher Roman!

  5. Henner sagt am

    schöner Artikel, der es auf den Punkt bringt. ich werde mich jetzt mal bei facebook, xing und twitter ausloggen, den rechner ausmachen und mich einem wahrhaft guten buch widmen, was auch sehr gut im kontext passt: du sollst nicht lügen von jürgen schmieder. absolut lesenswert!

  6. Sascha sagt am

    Kann man nicht viel mehr dazu sagen als: verdammt richtig! Denke seit einiger Zeit so und auf der re:publica wurde mir das noch mal richtig vor Augen geführt. Always on ist einfach viel zu stressig!

    Habe dann auch in das Buch von Miriam Meckel (über ihren burnout, ob gut oder schlecht mag jeder selbst beurteilen) mal reingelesen und mir gedacht “verdammt, so wie sie das beschreibt, lebst du auch gerade”.

    Nur weil man immer online sein kann, muss man es nicht. Danke, dass Du das mal laut sagst.

  7. Sehr schöner Artikel. Und korrekt. Vielleicht hilft es dem Ein oder Anderem; ein bisschen mehr Lebensqualität zu entdecken. Bei allem was man tut, sollte man sich erstens die Frage stellen “Was bringt mir das?” und zweitens “Ist es mir der Aufwand wert?” Nach einem langen Arbeitstag im Büro hab ich zumindest gar kein Bedürfnis mehr die Mails oder Tweets zu checken, so wichtig ist das nicht und das was wichtig ist, wird zwischen 9-18h bearbeitet - das reicht völlig.

  8. Dennis Meise sagt am

    Vielen Dank für diesen augenöffnenden Post. Es ist aber auch verflucht schwer heutzutage abzuschalten. Das blöde Internet ist immer in der Hosentasche dabei und die Angst einen Trend oder eine neue Verdienstmöglichkeit zu verpassen begleitet einen heutzutage irgendwie ständig.

    Ich merke auch so langsam dass ich mich sehr ausgebrannt fühle - wenn ich nicht produktiv arbeite rattert zumindest immer irgendeine Idee die mit der Arbeit/dem Internetz zu tun hat durch meinen Kopf.

    Irgendwie schön zu lesen, dass ich damit nicht allein bin.

    Also guter Vorsatz: Heute Abend mal das Haus verlassen und ganz altmodich spazieren gehen oder whatever um endlich mal den Kopf frei zu kriegen.

  9. Philipp sagt am

    Wunderbarer Beitrag zu diesem wichtigen Thema. Ich persönlich fand auch den Standby-Vergleich von David Eicher/webguerillas sehr gut:

    http://brainwash.webguerillas.de/social-media/weisure-entweder-on-oder-off-denn-standby-braucht-zu-viel-energie/

  10. Frank sagt am

    Absolut d’accord. Deshalb habe ich mich bislang auch dem allgemeinen iPhone-Hype der Szene widersetzt - und wenn ich mir doch bald mal ein Smartphone leiste, wird nicht die ganze Zeit geschaut, was jetzt wieder los ist.
    Ansonsten ist in meinem Blog neben Business nicht umsonst Gesundheit ein Thema. Was nützt der größte Erfolg, wenn man nach einigen Jahren physisch oder psychisch ein Wrack ist?

  11. Hallo Dwight,

    das Ganze ist, wie das meiste ein Entscheidungsprozess, den man durchlaufen muß. Das kann, wie in Deinem Falle, bewußt passieren oder man lässt sich von drei jungen Herren das Smartphone abziehen und ist zumindest mobil offline, bis das nächste wieder da ist. Eine Woche später raucht dann das Notebook ab und man fühlt sich irgendwie amputiert. Wenn alles wieder da ist und funktioniert, stellt man fest, es war gar nicht so schlimm. Ein stationärer Rechner im Büro tut es auch und ein Mobiltelefon im eigentlichen Sinne erfüllen voll und ganz Ihren Zweck. Und ein Notebook für eine Präsentation lässt sich auf jeden Fall immer besorgen.
    Ein schöner Artikel, Danke.

    Grüße von oben,
    Sören

  12. Thomas sagt am

    Ich habe mir ja vor drei Wochen wieder ein Motorrad zugelegt. Ob’s jetzt viel gesünder ist, möchte ich nicht beschwören, aber entspanter! :-)

  13. [...] Immer online? Lass uns doch mal ehlich sein… [...]

  14. [...] Hamburger Personalberater Dwight Cribb hat schon im  April mal einen sehr guten Blogbeitrag geschrieben. Er schreibt darin, dass er sich dem Burnout näherte, weil er dauernd in eigentlichen [...]

  15. Jo Diercks sagt am

    dwight, du schreibst mir aus der seele. aber die entschleunigung erfordert einen genau so intensiven learning-prozess wie sich den umgang mit den ganzen tools beizubringen. aber er ist auch mindestens genau so wichtig, mindestens…! lg jo

  16. Rafe sagt am

    das Ganze ist, wie das meiste ein Entscheidungsprozess, den man durchlaufen muß. Das kann, wie in Deinem Falle, bewußt passieren oder man lässt sich von drei jungen Herren das Smartphone abziehen und ist zumindest mobil offline, bis das nächste wieder da ist. Eine Woche später raucht dann das Notebook ab und man fühlt sich irgendwie amputiert. Wenn alles wieder da ist und funktioniert, stellt man fest, es war gar nicht so schlimm. Ein stationärer Rechner im Büro tut es auch und ein Mobiltelefon im eigentlichen Sinne erfüllen voll und ganz Ihren Zweck. Und ein Notebook für eine Präsentation lässt sich auf jeden Fall immer besorgen.Ein schöner Artikel, Danke.
    +1

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